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Samstag, 12. Oktober 2013

Nur mal kurz...

die letzte Fahrstunde und die letzte Laufeinheit verlief soweit gut. Die Fahrstunde führte mich über die Landstraße und die Laufeinheit war relativ flott mit einem guten Gefühl.

Heute möchte ich aber einfach mal etwas anderes los werden. Ein paar Gedanken sammeln und festhalten. Ich möchte ein wenig über A. schreiben. Ich könnte ihn auch Herrn S. nennen, aber obwohl er ein Patient war, waren er mit fast allen von meinen Kollegen per Du. Ja, er war ein Patient. A. wurde 1970 geboren, also zwei Jahre nach meiner Mum. A wurde 43 Jahre alt und nun ist er nicht mehr. A. war letzte Woche Mittwoch das letzte mal bei uns. Gesehen habe ich ihn an diesem Tag leider nicht. A. machte gerne was er wollte, kam aber immer zu uns,weil er wusste, dass er  die Behandlung braucht. Am Freitag kam er allerdings nicht. Es hieß dann nur,er wolle ins Krankenhaus. Montag bereiteten wir uns darauf vor, dass er wieder durch die Tür gefahren wird und dann in alter Manier vor uns steht. Aber keiner kam. Da wir privat niemanden erreichten, riefen wir seinen Fahrdienst an und die wussten bereits bescheid. A. war am Morgen gestorben. Alle waren geschockt und auch jetzt habe ich einen kleinen Kloß im Hals.
A. war ein Nazi. Saß bereits wegen Totschlag im Gefängnis. A. schenkte einem seiner Söhne zum 18. eine Pistole. Er hatte manchmal echt komische Ansichten, bei denen ich in mehr als 5 Jahren gelernt habe,einfach nicht mit ihm zu diskutieren. Aber A. konnte zuhören. A. wusste ganz schön viele Dinge über mich, erzählte aber auch nie mit anderen darüber. A. kümmerte sich um die anderen Patienten auf der Station und gab auch besonders auf eine 80jährige Patientin Acht. Fragte sie während der Behandlung immer wieder,ob es ihr gut ginge.  A. wog mehr als 150kg an denen alles andere Schuld war, nur nicht sein Essverhalten. A. bekam ständig irgendwelche Rehamaßnahmen, die er immer wieder abgebrochen hat, weil die anderen unfähig waren. A. machte den Mund auf, wenn ihn etwas störte und bekam immer seinen Willen, weil alle Respekt vor ihm hatten.A. wusste viele Sachen über die Behandlung, teilweise sogar besser als man selbst. A. legte sich mit einer Kollegin an,weil sie sich etwas nicht erklären lassen wollte und einer anderen Kollegin sagte er ins Gesicht, sie soll sich mal waschen,weil sie unangenehm riecht.
 A. hatte am ganzen Körper Tattoos und sein Bauch sah so aus, als hätte er 10linge bekommen. A. nannte mich oft Frieda und er wusste, dass er mich damit ärgern konnte. A. war schon so lange Patient und jetzt ist er weg. Als ich diesen Mittwoch früh die Station betrat in der er am Nachmittag gelegen hätte, ging mir sofort durch den Kopf, dass sein Bett leer bleiben wird. A. war kein guter Mensch, so wie man jemanden als gut bezeichnen würde,aber A. wird mir irgendwie fehlen.
Mein erster Arbeitstag war auf dieser Station und am ersten Tag wurde mir gleich erzählt ich solle mich nicht mit ihm anlegen und das er früher den kompletten Raum zusammen geschrien hat, weil ihm etwas nicht gefallen hat. Als ich dann das erste mal ganz alleine dort war, hatte ich mächtigen Respekt, aber nach und nach "freundete" ich mich mit ihm an. Wir hatten auch nie irgendwelche Differenzen. A. könnte noch da sein, wenn er es zugelassen hätte, das seine Frau den Notarzt ruft. Es ist genau wie bei T. damals. T. ist genauso über Nacht gestorben mit gerade mal 46 Jahren.
Da ich ja eine Art Leben nach dem Tod nicht ausschließe, wie auch immer das auch aussehen möge, hoffe ich einfach,dass es ihm gut geht.

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